High Sensation Seeker (HSS)

Über High Sensation Seeker gibt es nur sehr wenig Literatur. Da mir dieses Phänomen immer wieder in meinen Beratungen begegnet und ich mich auch selbst zu dieser speziellen Hochsensiblen Kategorie zähle, möchte ich gern meinen bisherigen (Selbst-) Erkenntnisstand zur Verfügung stellen und freue mich, wenn er zum Diskutieren und somit Weiterdenken anregt.


Grundsätzlich ist wichtig zu wissen, dass es Sensation Seeker auch unabhängig von dem Charakteristikum Hochsensibilität gibt. Der High Sensation Seeker verbindet somit die beiden Persönlichkeitsmerkmale Hochsensibilität und Sensation Seeking in sich.

Daher möchte ich zunächst den Sensation Seeker genauer beschreiben und anschliessend auf die besonderen Herausforderungen und dessen Lösungsmöglichkeiten bei der Kombination von Hochsensibilität und Sensation Seeking eingehen.


Sensation Seeking

Wie der Begriff Sensation Seeking (sensation engl. = Sinneseindruck, Empfindung; seeking engl. = suchen) bereits verrät, beinhaltet diese über die Lebensspanne relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft das Streben nach abwechslungsreichen Erlebnissen und Erfahrungen, spannenden Entdeckungen und intensiven Gefühlen.


Marvin Zuckerman erklärt das Sensation Seeking damit, dass diese Personen mit einem geringen Erregungsniveau ausgestattet sind und somit durch die Suche nach intensiven Reizen den optimalen Pegel an Stimulation herbeiführen. Laut Zwillingsstudien von Marcus Roth und Philipp Hammerstein lassen sich 70% der interindividuellen Unterschiede durch genetische und 30% durch Umwelteinflüsse begründen.


Unter dem Sensation Seeking werden nach Zuckerman 4 Aspekte unterschieden, die unabhängig voneinander aber auch gemeinsam auftreten können:


Thrill and adventure seeking (TAS)

körperlich risikoreiche Aktivitäten mit hohem Erlebniswert von Extremsportarten bis zu gesteigertem Nervenkitzel bei Freizeitbeschäftigungen wie Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, Gleitschirmfliegen, Wasser-Skifahren, Snowboarden, Wind-/Kitesurfen, Rafting, Tauchen, Boxen, Klettern, Hochseilgarten, Motorrad-, Quad- oder Autorennen fahren


Experience seeking (ES)

kognitive, sensorische oder emotionale Stimulation durch immer wieder neue Erlebnisse und Erfahrungen anhand von Reisen, fremden Kulturen, vielfältigen Interessen, Kunst, interessanten Begegnungen, persönlicher Entwicklung/ Selbsterfahrung, Sexualität, Drogenkonsum, risikoreichen Investitionen, Herausforderungen und Wettkampf


Disinhibition seeking (DIS)

Abwechslung suchendes und enthemmtes Verhalten in sozialen Situationen durch auffällige Kleidung, Parties oder Promiskuität


Boredom suspectibility (BS)

Abneigung gegenüber Routinen, Wiederholungen und Monotonie sowie Tendenz zur inneren Unruhe, wenn die Umwelt zu wenig Abwechslung bietet und Angst, etwas zu verpassen


Herausforderungen für High Sensation Seeker

High Sensation Seeker - also hochsensible Sensation Seeker - haben folglich häufig zweierlei Seelen in ihrer Brust: der eine Teil drängt in die Welt hinaus und ermöglicht vielfältige Erlebnisse voller Intensität und Lebendigkeit; der hochsensible Teil hingegen sehnt sich nach Vorhersehbarkeit und Rückzug.

Nicht zwingend sind High Sensation Seeker extravertiert. Häufig sind sie auch der stille Extremsportler, vielbegabte Lebenskünstler oder erfolgreiche, innovative Entrepreneur.


Welche Widersprüche gibt es und wie können diese harmonisiert werden?


Gas und Bremse

Die entgegengesetzten Bedürfnisse nach Spannung/Intensität und Sicherheit/Ruhe geben manchmal das Gefühl als stünden HSS gleichzeitig auf dem Gas und der Bremse.

Dieses Spannungsfeld lässt sich lösen, indem

  • statt der Suche nach permanent neuen Sensation Seeking Erlebnissen, in diese eine Routine hineinkommt, wodurch eine Anpassung an die überflutenden Aussenreize wie Lärm erfolgt während der Adrenalinkick bleibt, z.B. in einer vertrauten Partyszene oder längerfristig ausgeübten Extremsportart,

  • das Sicherheitsbedürfnis durch das Mitkommen einer vertrauten Person beim Sensation Seeking gestillt wird wie z.B. eine Weltreise mit dem Partner oder Selbsterfahrungsgruppen bei der gleichen Seminarleitung

  • die Stimulation nach Hause geholt wird wie beispielsweise bei Action-Computerspielen, gewagten Investitionen und erotischen Abenteuern oder

  • die beiden Bedürfnisse nicht gleichzeitig sondern phasenweise befriedigt werden, wobei die Phasen sehr kurz sein können; so z.B. nach einer Expedition ins Leichenschauhaus am nächsten Abend gemütlich zuhause lesen oder Monate/Jahre andauern können wie sich nach einer Weltreise mehrere Jahre hingebungsvoll um die Kinder kümmern.

sehr schmale Komfortzone

Die ohnehin bei Hochsensiblen schmale Komfortzone zwischen Unter- und Überforderung, also dem genau richtigen Mass an Reizen und Informationen (optimales Erregungsniveau/Arousal) ist bei High Sensation Seekern noch schmaler, da diese schneller in ein zu wenig an Stimulation hineinkommen, d.h. durch den Sensation Seeker Anteil die untere Grenze der Unterforderung deutlich nach oben verschoben ist (boredom suspectibility), andererseits durch die auftretenden überflutenden Sinnenreize bei höherer Aktivität die hochsensible Überforderungsgrenze auch nach oben rasch erreicht wird. So pendeln High Sensation Seeker manchmal zwischen enthusiastischem Alles-auf-einmal zu Nichts-geht-mehr hin und her. Sie überspringen somit immer wieder das goldene Mittelfeld des komfortablen Erregungsniveaus.

Hier hilft es häufig, zum Ausgleich der Erlebnisdichte des Sensation Seeker Anteils, eine Form der aktiven Entspannung durch regelmässige sportliche und/oder kreative Aktivitäten zu pflegen wie beispielsweise Joggen, Yoga, Stricken, Malen, Schreiben, Gartenarbeit u.a. Dabei ist es wichtig, sich eine Vielzahl an solchen Entspannungsaktivitäten zu erarbeiten, so dass durch die ständige Abwechslung der Sensation Seeker Anteil ausreichend erfüllt wird.


Impulsivität und Ungeduld

Das Aufsuchen von Intensität des Sensation Seeker Anteils kann sich in Kombination mit der Detailverliebtheit des Hochsensiblen Anteils dazu verdichten, dass Probleme und Herausforderungen subito gelöst werden - das grosse Talent der HSS. Es kann aber auch dazu führen, dass alles übergenau durchdrungen und durch die Informationsüberflutung eine Entscheidungsfindung unmöglich wird. Gedankenkreise, die das Einschlafen verhindern. Da selten nur ein Problem oder Thema auf einmal vorhanden ist, kann dieses Gefühl der grossen Lebendigkeit und Lösungsexpertise plötzlich umschlagen in ein Gefühl der Alles-Zuviel-Ohnmacht und Angst. Diese Hilflosigkeit entlädt sich vereinzelt auch in Wut gegen denjenigen, der als letztes das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Daher können kurzfristige impulsive Reaktionen auftreten, die sich nur dadurch vermeiden lassen, dass rechtzeitig vor dem Überlaufen des Fasses wieder etwas abgeschöpft wird.

Eine weitere ungeliebte Eigenart der HSS ist die Ungeduld. Diese entspringt der Abneigung gegen Langeweile sowie der allzu raschen Auffassungsgabe. So lesen HSS typischerweise - wenn sie sich überhaupt lange genug aufs Lesen konzentrieren und Wissen nicht lieber als Hörbuch nebenbei konsumieren - immer mehrere Bücher gleichzeitig. Die Ungeduld bedeutet in ihrer positiven Umdeutung: Zielorientierung. Als solches sollte man sich diese nicht abgewöhnen, sondern ein wenig geduldiger mit sich sein.


Digitale Verführung

Die auftretende Unruhe bei zu wenig Aussenstimulation wird zuweilen durch die stets zur Verfügung stehenden digitalen Medien gestillt. Je mehr diese ins Leben treten, umso schwieriger wird es, diesen zu entsagen. Durch die rasche Auffassungsgabe Hochsensibler, in der, bevor der Satz des Gegenübers zu Ende gesprochen ist, bereits der ganze Absatz der Geschichte erahnt wird, kann auch im Kontakt mit anderen Langeweile auftauchen, die dann durch Multitasking vermindert wird: dem Gegenüber zuhören, dabei kochen und gleichzeitig noch eine Internetbestellung abwickeln und auf den letzten Facebook-Post reagieren. Je mehr das Internet ins Leben Einzug hält, um so schwieriger wird es, der permanenten digitalen Versuchung zu widerstehen. Da mit zunehmendem Konsum die Reizschwelle immer weiter sinkt, saugt die digitale Welt High Sensation Seeker mehr und mehr in sich hinein. Hier hilft - leider - nur eine regelmässige Diät: Digital Detox.


Selbst-Verständnis

High Sensation Seeker wechseln häufiger Arbeitsplätze, Hobbys, Wohnorte, Freundschaften, Partnerschaften und Themen, die sie interessieren. Die Begeisterungsfähigkeit, die High Sensation Seeker mitbringen, kann sich genauso schnell wieder auf etwas noch Spannenderes verlagern, was es für das Umfeld schwer machen kann, hinterherzukommen. Da Dinge, die kognitiv durchdrungen und emotional keine neuen Hochs versprechen, rasch langweilig werden, braucht es immer wieder Neues. Folglich werden sie von anderen einerseits für ihre Lebendigkeit und Vielfalt bewundert und andererseits wird ihre unstete Wechselhaftigkeit skeptisch betrachtet.

Der hochsensible Anteil hat häufig den inneren Wunsch, unauffällig und "normal" zu sein, was dem Sensation Seeker Anteil meist widerspricht. Daher ist es hilfreich, diese beiden Seelen in der eigenen Brust zunächst selbst verständnis- und liebevoll anzunehmen und die daraus resultierende grosse Bandbreite wertzuschätzen, um sich durch eine vermeintliche Normierung von aussen nicht verunsichern zu lassen und dadurch sein Potential nur unzureichend zu entfalten. Statt sich selbst in die zu kleinen "entweder.. oder.." Schubladen verstauen zu wollen, darf das Motto also "sowohl.. als auch.." heissen.


Partnerschaft

Für die Zufriedenheit in der Partnerschaft ist es substantiell, dass auch die Partnerin/der Partner Verständnis und Wertschätzung für die Vielseitigkeit aufbringt und die momentan aktuellen Bedürfnisse klar und offen kommuniziert werden. Dabei können die Sensation Seeking Aktivitäten miteinander geteilt werden oder individuell erfolgen, je nach Charaktereigenschaften und Interessenlage des Partners. Wesentlich ist, dass die Verbundenheit und Intensität in der Partnerschaft erhalten bleibt. So kann auch eine lebendige Bewegung nach aussen einen Ausgleich zur Ruhe in der Partnerschaft als Wohlfühloase schaffen oder umgekehrt die actiongeladene Partnerschaft durch ruhigere Aussenbewegungen wie Ausdauersport oder Selbsterfahrungs-/Meditations-Kurse in die innere Balance finden.


rasches Verlieben und Entlieben

In den meisten Bereichen macht die schnelle, intensive Begeisterung für Neues keine Mühe. Mit einem bunt gemischten Freundeskreis oder einem häufigeren Wohnung-/ Job-/Hobbywechsel bleibt das Leben spannend, aufregend und fühlt sich für den High Sensation Seeker - mit einer häufig vorhandenen Angst, etwas zu verpassen - auch nach intensiver Lebendigkeit an. Das Leben wird ausgekostet.

Ein Bereich bereitet hierbei jedoch häufiger Probleme: die Treue in der Partnerschaft. Während der hochsensible Anteil an die Moral appelliert und sich für das Einhalten der Treue einsetzt, fremd-verliebt sich der Sensation Seeker Anteil schon einmal in das aufregend Neue. Die Hochsensibilität fördert das Gefühl, die neue Person schon schnell gut zu kennen und lässt eine emotionale Nähe entstehen und der Sensation Seeker Anteil ist von den neuen Möglichkeiten fasziniert.

Dieses Dilemma kann natürlich durch eine offene oder polyamore Beziehung gelöst werden, wodurch diese beiden Seiten somit keinen Widerspruch mehr beinhalten.

Wenn die Partnerschaft treu gelebt wird, ist es wesentlich, dass viel Wert auf die Qualität der Verbundenheit gelegt wird. Neben einem innigen Austausch braucht es daher auch eine lebendige, abwechslungsreiche Sexualität, die dem Etwas-verpassen-Gefühl und der Langeweile-durch-Routine entgegen steht. Indem immer wieder neue Phantasien und Wünsche ausgetauscht und mit diesen experimentiert wird, bleibt die Beziehung leidenschaftlich und lebendig, so dass einer Versuchung von aussen leichter widerstanden oder sich genauso rasch entliebt werden kann und eine langfristige monogame Partnerschaft möglich ist.



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© 2019 Sophie Nebeling